Weniger Schicksalsberichterstattung, mehr Fokus auf die Leistung – und Prothesen als Markenzeichen: Das öffentliche Bild von Menschen mit Beeinträchtigung wandelt sich. In Medien, Werbung – und der Popkultur.

Ein Bild zeigt den Athleten in dem Moment, in dem er den Ball mit dem Fuß in die Luft schleudert – während er den Tischtennis-Schläger mit dem Mund hält. Auf einem zweiten sieht der Betrachter eine Schwimmerin, deren Oberkörper aus dem Wasser ragt, der Mund weit geöffnet, die Arme ausgebreitet, die Hände fehlen. Und im dritten Motiv fokussiert ein Boccia-Spieler den Ball, den er gleich spielen will – mit einem Stab, der an seinem Kopf montiert ist.

Diese Auswahl von Bildern der Paralympics 2016 in Rio de Janeiro illustrieren einen Trend: Das Bild wandelt sich, das die Medien von Menschen mit Beeinträchtigungen zeigen. Die drei Motive sind stellvertretend für ein neues Image der paralympischen Sportler im Speziellen und behinderter Menschen im Allgemeinen: In der Öffentlichkeit werden sie zunehmend als Machende, Schaffende, Leistende gesehen, die nach Schicksalsschlägen nicht nur aufstehen – sondern losrennen, -springen, -werfen, -schwimmen, -fahren. Oder im Alltag „einfach“ weiter machen. Es ist eine Entwicklung, die mehr Gleichberechtigung symbolisiert, mehr Vielfalt („Diversity“) zulässt –  beides Werte, die Getty Images auch in anderen Bereichen seit Jahren unterstützt.

Neue Wahrnehmung: Schaffende statt Behinderte

Dieses Bild zeichnet auch ein Werbeclip für diese Paralympics, den der britische Sender C4 im Vorfeld der Spiele sendete. Ein Trailer, der Menschen mit Behinderungen beim Sport, aber auch im Alltag zeigt: ein Mann ohne Beine beim Bankdrücken. Eine Mutter, die mit den Füßen ihr Baby wickelt. Und dazwischen immer wieder ein Sänger im Rollstuhl, der singt: Ja, ich kann das. „Die ursprüngliche Definition von Behinderung ist sehr negativ: ein Zustand, der die Sinne, die Bewegung, seine Aktivitäten einschränkt“, sagt Alice Tonge der Seite Creative Review, Creative Director von 4Creative und verantwortlich für diesen Spot. „Wir möchten diese Definition infrage stellen.“ Über 6,5 Millionen Mal haben Menschen diesen Trailer bei Youtube angeklickt.

Unternehmen: Nicht nur das Schicksal zeigen

Ein weiteres Beispiel findet man bei der Allianz. Das Unternehmen ist seit ein paar Jahren Sponsor des Internationalen Paralympischen Komitees. Auf der Webseite zeigt ein Video die Geschichte des paralympischen Athleten und Sprinter Heinrich Popow. Er erzählt von seinem Schicksal. Von seinem Bewegungsdrang. Von Chancen statt Behinderung. „Wer hätte bei meiner Amputation gedacht, dass das zu etwas führt, was mich so glücklich macht?“, fragt er. Und die jüngste Ausgabe des Unternehmensmagazin 1890 porträtiert deutsche Paralympic-Stars mit dem Titel „So sehen Sieger aus“ und der Unterzeile „Echter, ehrlicher Sport.“ Chefredakteur Mario Vigl erklärt: „Wir zeigen die Sportler als selbstbewusste, starke Persönlichkeiten, die ihre Behinderungen als Teil von sich sehen und nicht verdecken. Helden, keine Opfer.“

Medienwissenschaft: Das Ende der Trotzdem-Berichterstattung

Auch Medienwissenschaftler beobachten diesen Trend. Untersuchungen zeigen, dass sich zum Beispiel das defizitäre Bild der paralympischen Sportler wandelt: Früher galt für Journalisten bei der Bildkreation die Regeln: Dynamisch, ästhetisch muss es sein – und die Behinderung bloß nicht zu deutlich präsentieren. Heute wird die Beeinträchtigung eher gezeigt. „Die Berichterstattung ist leistungsbezogener geworden“, sagt Christoph Bertling, 42 vom Institut für Kommunikations- und Medienforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Wissenschaftler beobachtet, dass die Zahl der „Trotz-seines-Schicksals-Geschichten“ über paralympische Sportler abnimmt. Beispiel Boccia, hier können Sportler oft den Ball oft nur mit dem Mund anschieben: „Wenn auf die Behinderung der Schwerbehinderten eingegangen wird, dann, weil es Teil der Sportart ist.“

Popkultur: Prothesen als Teil der individuellen Identität

Und in der Popkultur ist die Prothese längst kein Makel mehr: Die Sängerin Viktoria Modesta trägt dazu bei, dass sich die Wahrnehmung einer Prothese wandelt. Sie setzt als Teil ihrer künstlerischen Darstellung und ihrer eigenen Identität ein. Zum Beispiel das „Spike Leg“, ein schwarzes, nach unten spitzer werdendes Kunstbein. Oder sie zeigt sich im Rahmen von Modenschauen mit einer Variante, die ganz mit Diamanten besetzt ist. „Ich akzeptiere das Konzept von Behinderung nicht“, sagt sie jüngst der Welt.

Ähnlich fühlt Aimee Mullins. Die zweifache Paralympics-Siegerin von Atlanta 1996 ist gefeiertes Model und Schauspielerin. Magazine betitelten Sie als „Wonder Woman“. Sie zeigt offen, dass sie mehr als ein Paar Beine hat: Echthaut-Imitate in verschiedenen Größen, gläserne oder Exemplare mit Geparden-Fell. Auf Vorträgen spricht sie über ihren Eindruck, dass sich das Verhältnis der Gesellschaft zu Behinderung verändert. „Eine Prothese steht nicht mehr für das Bedürfnis, einen Mangel auszugleichen.“ Der Träger hat die Macht hat, sich etwas Neues zu kreieren. „Sie werden zu Architekten ihrer eigenen Identität“, sagte sie im Rahmen eines TED-Talks.

Handicap als Markenzeichen

Wie Aaron Fotheringham, genannt „Wheelz“. Er ist einer, der sein Handicap in eine Fähigkeit gewandelt und zu seinem Markenzeichen geformt hat. „Wie können Räder, die praktisch an einem dran montiert sind, kein Spaß sein?“, fragt er auf seiner Webseite. Bei der Eröffnung der Paralympics in Rio de Janeiro springt der Rollstuhl-Stuntfahrer spektakulär durch ein gigantisches „O“, im Channel 4-Trailer zu den Paralympischen Spiele fährt er am Ende über eine Rampe – und fliegt. Im wahren Leben ist Fotheringham der erste Mensch, der einen doppelten Rückwärtssalto geschafft hat – im Rollstuhl.

Mehr paralympische Stars finden Sie in diesem Fotoalbum mit allen deutschen Medaillensiegern von Rio 2016.