Mal schneller, mal höher, mal stärker: Jede Disziplin in der Leichtathletik stellt den Fotografen vor eine neue Herausforderung. Zehn Beispiele eindrucksvoller Olympia-Momente – und auf was der Profi dabei achtet.

Um alle Akkus wieder aufzuladen, braucht er vier bis fünf Stunden, erzählt Alexander Hassenstein. Es ist die Zeit zwischen Mitternacht und Morgengrauen, wenn er und die Batterien seines Equipments Energie tanken. Davor und danach versucht er, „das Erlebnis Olympia nicht außer acht zu lassen“, wie er sagt. Zum Beispiel, indem er früh morgens oder spät abends an der Copacabana joggt, „der wohl sentimentalste Strand der Welt.“ Der 45-Jährige fotografiert bei seinen 13. Olympischen Spielen Athleten in Kanus, beim Reiten, Rugby-Spielen – und während der Leichtathletik-Events im Olympia-Stadion.

Er erzählt das, während er aus dem Olympia-Stadion läuft, um Mittagspause zu machen. Eben hat er das Kugelstoßen der Zehnkämpfer fotografiert, davor den Weitsprung und den 100-Meter-Lauf. Motive, Licht, Perspektiven und Dynamik ändern sich bei so einem Leichtathletik-Event im Sekundentakt – wenn an der einen Stelle im Stadion eben ein Athlet sensationell weit springt und gleichzeitig  woanders ein anderer spekatukulär ins Ziel sprintet. „In dieser komplexen Situation muss Du klaren Kopf behalten“, sagt er. „Denn jede Disziplin erfordert eine andere Herangehensweise.“

1. Weitsprung: Akihiko Nakamura (Japan) landet. „Weitsprung ist eine dankbare Disziplin für Fotografen. Ich liebe es, wenn der Sand hochspritzt – er illustriert so wunderbar, dass und wie sich der Sportler in Bewegung befindet. Es ist wie in der Formel 1. Da gilt die Regel: Du fotografierst keine parkenden Autos.“

2. Stabhochsprung: Renaud Lavillenie (Frankreich) fliegt. „Diese Disziplin gibt mir die Chance zu kreativen Höhenflügen. Die Sportler durchlaufen eine relativ lange Aktion, da sind viele Sekunden Fluss: Die gehen hoch, sind oben, kommen runter. Da habe ich Zeit, mit Perspektiven, Licht und Hintergrund zu spielen.“

3. 400 Meter-Lauf: Shaunae Miller (Bahamas) hechtet ins Ziel. „Ein Foto, das zeigt, wie wir Momente einfangen: Als die Läuferinnen auf die Zielgerade einbiegen, sehe ich auf der Anzeigenzafel, dass Miller in Führung liegt – und bin nah zur ihr hin. Das war ein Glücksschuss, eine reine Momentaufnahme – im Gegensatz zu den kreativen Bildern, bei denen ich Zeit habe, mir eine Komposition zu überlegen.“

4. Hammerwerfen: Betty Heidler (Deutschland) fokussiert die Kugel. „Hier habe ich ein Motiv, das immer wieder die gleiche Bewegung macht. Die Sportler drehen sich tausende Male. Da versuche ich durch einen neuen Blickwinkel, das immer Gleiche zu ändern – und den Betrachter zu überraschen. In diesem Fall dadurch, dass ich nah ran gehe.“

5. 100-Meter-Lauf: Usain Bolt (Jamaika) gibt die Richtung vor. „Du hast in dieser Disziplin nur knapp zehn Sekunden Zeit, Menschen einzufangen, die genau geradeaus laufen. Deswegen ist die Herausforderung groß. Dieses Bild hier ist technisch eher einfach, aber es lebt von der Geschichte dieses Mannes, der seit rund einem Jahrzehnt dabei ist.“

6. Dreisprung: Caterine Ibarguen (Kolumbien) befindet sich im Flug. „Hier kommen die Sportler mit einer hohen Geschwindigkeit auf mich zu – und ich habe ein, zwei, drei Chancen, auf den Punkt ein Bild von einer sehr ästhetischen Sportart zu schaffen. Ein Motiv, das Olympia zusammenfasst – höher, schneller, stärker.“

7. Marathon: Kayoko Fukushi (Japan) ist fertig: „Ein gutes Marathon-Bild zeigt die Anstrengung der Läufer nach über zwei Stunden. Und die Freude, dass sie das Ziel erreichen.“

8. 400 Meter-Hürden: Louis Jacobus van Zyl (Südafrik) nimmt die Stadionrunde: „Hier habe ich Zeit ein bisschen zu überlegen, hier kann ich kreativ sein. Weil ich weiß, dass an dieser Stelle Action passiert – hier springen, fliegen und landen die Läufer. Und weil ich den Hintergrund planen kann – das abrundende Stadiondach.“

9. Diskuswerfen/Flagge zeigen: Christoph Harting (Deutschland) siegt: Jeder Sieger zeigt sie: die Fahne. Also ist mein Ziel, dieses immer gleiche Bild anders zu fotografieren. Hier zum Beispiel, indem ich das „O“ des Stadions integriere. Und, mein Glück, dass ich in diesem Moment so schönes Licht habe, weil das Diskusfinale tagsüber stattfand.“

10. 100 Meter Hürden: Anouk Vetter (Niederlande) und Katarina Johnson-Thompson (Großbritannien) fliegen Kopf an Kopf: „Eine super Disziplin für uns Fotografen. Weil sie tolle Momente des Zwei- und Dreikampfs produziert. Aber auch, weil diese Sportart so symbolhaft ist. Denn diese Olympischen Spiele sind für uns ein einziger Hürdenlauf. Jeden Tag erlebe ich hier faszinierende Hindernisse – und jeden Abend bin ich froh und dankbar, das hier erleben zu dürfen.“

 

Unser fotografischer Zehnkämpfer in Rio: Alexander Hassenstein im Olympia Stadion.

Über Alexander Hassenstein
„Die meist gesprochene Sprache der Welt ist nicht Mandarin“, schreibt Hassenstein auf seiner Webseite. „Sondern Bilder.“ Dass er diese Sprache seit vielen Jahrzehnten beherrscht, illustrieren seine besten Bilder für Getty Images und seine Aufnahmen, die er bei Instagram veröffentlicht.