Der brasilianische Filmregisseur Ricardo Laganaro sagt Ihnen nichts? Nun, das wird sich jetzt ändern. Ricardo Laganaro arbeitet fast 20 Jahre hinter den Kulissen. Er startete seine berufliche Laufbahn in der Post-Produktion für Realfilme und animierte Filme und widmete sich anschließend der Regie und der Begleitung von 3D-Projekten und Special Effects für eine der größten Produktionsfirmen Brasiliens.

Heute kennt man ihn als Regisseur des weltweit meistgesehenen 360-Grad-Musikvideos und als Pionier im Bereich Virtual Reality Filme.

„Seit der Erfindung des Fernsehens hat es nichts derart Revolutionäres mehr gegeben“, sagt er. „Wir stehen am Anfang eines wahrhaft neuen Formates.“

In diesem Jahr wurde Ricardo Laganaro von Oculus Story Studio als einer von 10 Filmemachern weltweit für die Realisierung eines VR-Dokumentarfilms ausgewählt, der im Januar 2017 auf dem Sundance Film Festival gezeigt werden soll. In diesem Interview erzählt er von dem spannenden Feld der Virtual Reality und welchen Einfluss diese Technologie auf die Zukunft des Storytelling hat.

Professionell aufgebaute Geschichten und Inhalte haben, unabhängig vom Medium, immer eine große Wirkung. Was verleiht VR seine enorme Wirkung?

Bei VR ist man nicht mehr in der Rolle des Betrachters. Man wird Teil des Inhalts. Man könnte sagen, es hat eher den Charakter einer Teleportationsmaschine als den eines Bildschirms. Wenn man beispielsweise einen Roman liest und tief in die Geschichte eintaucht, fühlt man sich ja auch so, als sei man dabei und könnte dieser Szene als Zeuge beiwohnen. Dabei handelt es sich aber um einen viel intellektuelleren Prozess als bei VR.

Wenn man sich einen Film ansieht, kann man auch tief eintauchen, aber wenn das Telefon klingelt und man sich vom Bildschirm löst, ist die ganze Aufmerksamkeit dahin. Es gibt viele Gelegenheiten, sich ablenken zu lassen, und dann braucht man einfach etwas Zeit, bis man wieder in die Geschichte zurückfindet. Nur, wenn man sich absichtlich auf den Inhalt konzentriert, kann man ganz darin eintauchen.

Wie funktioniert diese Art von Eintauchen bei VR?

Was bei Virtual Reality wirklich alles anders macht, ist die Unmittelbarkeit. Das kann man mögen oder nicht. Wenn man sich beispielsweise einen Horrorfilm in VR ansieht, sagt man sich ständig „Ich bin da nicht dabei, ich bin da nicht dabei, ich bin da nicht dabei.“ Aber wenn man nur noch das sieht, wovor man sich richtig fürchtet, dann bekommt man eine Riesenangst.

 

 

Man kann sich dem nicht entziehen; man ist gezwungen, dabeizubleiben. Das Erlebnis ist weniger intellektueller Natur, es spielt sich vielmehr auf der Sinnesebene ab. In VR muss man nicht nachdenken, um etwas zu spüren. Genau deswegen ist die Wirkung dieses Formats auf den Zuschauer so viel intensiver. Dies ist übrigens auch der Grund, warum wir mit den Inhalten, die wir produzieren, auch bis an die Grenzen des Machbaren gehen können.

Können Sie uns dafür ein Beispiel aus Ihrer Arbeit geben?

Ich habe einen Film für das Museum of Tomorrow hier in Brasilien gemacht, den den Titel Cosmos trägt. Im Drehbuch hatte ich eine Szene vorgesehen, in der der Betrachter sich in einem Vulkan befindet und bei der einfach nur Lava die Wände herunterfließt. Als das Team das Drehbuch las, fanden sie diese Szene ziemlich langweilig. Ich sagte ihnen, dass es sicherlich langweilig wäre, wenn man sich diese Szene auf einem Bildschirm ansehen würde. Wenn man aber mittendrin ist, also in dem Vulkan, ist das etwas ganz anderes. Als wir fertig waren, stellte sich heraus, dass diese 30 Sekunden mit fließender Lava eine der stärksten Szenen des ganzen Films waren.

VR begegnet uns als Technologie immer öfter. Glauben Sie, dass sich die ganze Aufregung, die mit dieser Art von Neuheiten verbunden ist, wieder legen wird?

Wenn man an die ersten Filme zurückdenkt, dann waren sie sehr einfach aber für das Publikum dennoch beeindruckend, weil sie neu waren. Man sah, wie der [Lumière brothers’] Zug kam und die Menschen bekamen es mit der Angst zu tun; das hat schon gereicht. Mit der Weiterentwicklung des Filmemachens aber und der Ausarbeitung von Narrativen lenkte man die Aufmerksamkeit der Zuschauer weg von diesen Spielereien und begann, sich auf die Geschichte zu konzentrieren. Mit VR wird es genauso sein.

Ankunft eines Zuges

Wie kommen wir diesem Moment näher?

Für Storyteller und Filmemacher ist es jetzt an der Zeit, das wahre Potenzial von VR zu erkennen und Geschichten zu entwickeln, deren Kraft nicht nur darin liegt, dass sie sich in VR abspielen. Wenn diese Technologie zum Mainstream werden soll, müssen wir den Menschen Erlebnisse bescheren, die sie mit keinem anderen Format bekommen können. Wir müssen sie dazu bringen, mehr zu wollen.

Was hält VR aktuell davon ab, zum Mainstream zu werden?

Technologisch gesehen, gibt es noch ziemlich viel in der Entwicklung zu tun. Die Auflösung ist noch nicht so gut und der Ton, der so wahnsinnig wichtig ist, wenn man ganz in das Erlebnis eintauchen will, ist noch weit hinter dem Bild. Wir haben keine Mikrofone, um den Ton je nach Position oder binaural aufzunehmen. Unsere Tools stecken noch in den Kinderschuhen, aber mit der Zeit werden die Menschen das wahre Potenzial von VR erkennen. Ich bin schon ganz gespannt, was passieren wird, wenn die PlayStation VR in den USA veröffentlicht wird. Das wird die erste Testfahrt für die Massentauglichkeit von VR sein.

Für die meisten von uns ist es noch zu kompliziert, VR-Inhalte zu sehen. Nur wenige haben die Brillen, mit denen man sich VR-Filme ansehen kann. Das ist mit ein Grund, warum 360-Grad-Videos gerade so beliebt sind.

Wie schätzen Sie 360-Grad-Filme im Vergleich zu VR ein?

Es gibt unterschiedliche Ebenen, wie tief man in das Geschehen eintaucht. Zunächst gab es den 2D-Flachbildschirm, dann die Großbildschirme (die einen enormen Einfluss auf die Inhalte hatten), dann 3D, 360-Grad-Videos und VR. Mit jeder Entwicklung tauchen wir tiefer in die Geschichten ein. 360-Grad-Videos sind sehr fesselnd, allerdings werden sie uns wohl nicht ewig erhalten bleiben. Sie sind ein wichtiges Hilfsmittel, um die Zuschauer an diese Art von Inhalten heranzuführen.

Ihre erste Erfahrung mit 360-Grad-Videos war ja recht erfolgreich. Würden Sie uns etwas zu diesem Projekt und seiner Entstehungsgeschichte erzählen?

Als Facebook seinen 360-Player auf den Markt brachte, arbeiteten wir gerade an einem Musikvideo für einen Popsänger hier in Brasilien. Im Vorfeld der Premiere starteten wir eine einmonatige Kampagne, in der wir den Leuten erzählten, dass wir ein neuartiges Musikvideo produzieren würden und sie ihre Mobiltelefone und Köpfe kräftig drehen müssten, um sich das Video anzusehen.

 

 

Wir haben ihnen beigebracht, wie man sich ein 360-Grad-Video ansieht und in ihren Kommentaren haben sich die User bei uns bedankt, weil wir ihnen neue Wege aufgezeigt haben, wie sie ihre Telefone nutzen können. Als das Video dann herauskam, war jeder ganz verrückt danach, es anzusehen, obwohl die Leute das Format noch gar nicht kannten. Die meisten Fans des Sängers hatten noch nie zuvor ein 360-Grad-Video gesehen, und dennoch hatten wir einen Riesenerfolg damit. Jeder wollte es sehen, weil es etwas völlig Neues und Anderes war, womit sie sich identifizieren und gleichzeitig ein bereits vorhandenes Gerät nutzen konnten.

Am Ende wurde es das meistgesehene 360-Grad-Video bei Facebook. Was ist das Wichtigste, was Sie aus dieser Erfahrung mit nach Hause nehmen?

Nach dem Erfolg dieses Videos führte ich viele Gespräche mit den ganz Großen im Filmbusiness, die noch nie über 360-Grad-Video nachgedacht und sich ausschließlich auf VR konzentriert hatten. Niemand hatte das nötige Equipment und wir steuerten mit unserem Film auf 18 Millionen Aufrufe zu. Es ist so wichtig, dem Publikum zu zeigen, dass sie ihre Geräte auf völlig neue Weise nutzen können.

Können Sie sich vorstellen, dass wir Geschichten in Zukunft hauptsächlich über VR erzählen?

VR wird eines der wichtigsten Vehikel für Storytelling werden, aber dafür müssen wir zunächst gute Inhalte kreieren. Es wird nicht mehr nur ein Hauptformat geben; wir beziehen unsere Inhalte schon jetzt über so viele unterschiedliche Geräte und das wird auch in Zukunft so bleiben. VR wird einfach nur ein weiterer Kanal sein und wenn die Menschen endlich einen wirklich guten Film in VR sehen, wenn sie etwas erlebt haben, das sie mit keinem anderen Format vergleichen können, dann wird sich alles ändern.

 

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