„Der Ball verlässt schneller den Fuß als früher“: Lars Baron arbeitet seit zwei Jahrzehnten als Sportfotograf und ist aktuell für Getty Images bei der EM. Ein Gespräch darüber, wie sportliche, ästhetische und mediale Entwicklungen die Fußballfotografie verändern.

Lars Baron ist einer der wenigen Deutschen, die sicher bis zum Ende der Fußballeuropameisterschaft in Frankreich bleiben wird – als Fotograf begleitet er das Turnier seit Beginn. Und bis zum Finale. Es ist sein sechstes großes Fußballturnier. Lars agiert seit fast zwanzig Jahren als professioneller Sportfotograf, er studiert zunächst Sportjournalismus in Köln, arbeitet später als freier Fotograf bei der Neuen Rhein Zeitung, beim Sport Informations-Dienst. Und seit 2005 bei Getty Images. „Die Technik“, antwortet er auf die Frage, was sich während seiner Laufbahn verändert hat. 2.000 Bilder ohne Unterbrechung statt früher 36. „Und das Spiel selbst.“

Fußballspieler laufen heute mehr als vor 20 Jahren. Als modern gilt zudem ein ballbesitzorientiertes Spiel. Was bedeutet das für die Trends in der Fußball-Fotografie? Ich habe den Eindruck, dass es weniger Zweikämpfe gibt, weil der Ball schneller den Fuß verlässt. Es gibt weniger Spieler, die das Eins-gegen-Eins suchen. Weniger Duelle „Mann gegen Mann“, das bedeutet für mich: Weniger Action, die ich in einem Bild einfangen kann.

Wie erlebst Du das Spiel bei der aktuellen EM? Qualitativ schwächer als bei der letzten WM, da war viel mehr Druck nach vorne, mehr Offensivdrang bei allen Teams. Mit Ausnahme von Deutschland, Italien – oder Belgien, die spielten gut nach vorne. Die haben Spieler wie De Bruyne oder Hazard, die auch mal das für mich als Fotograf wichtige direkte Duell suchen.

Was bevorzugst Du als Fußballfotograf außerdem im Spiel? Mir ist es lieber, wenn es schnell nach vorne geht. Wenn das Mittelfeld schnell überbrückt wird, wenn der direkte Zug zum Tor da ist. Weil so eher Torraumszenen zustande kommen, mehr Chancen, mehr Tore – und mehr Jubelszenen. So bekomme ich die guten Bilder.

Toni Kroos gilt als einer der besten Spieler dieser EM. Wie fotografierst Du einen Akteur wie ihn? Einer wie er, der den Ball verteilt, der weniger den direkten Zweikampf sucht – der ist schwieriger einzufangen. Ein Hazard oder ein De Bruyne, die schnell sind, die sind super, weil dem Abwehrspieler manchmal nur das Foul bleibt. Und das sind dann die Bilder, die gut aussehen.

Warum sind direkte Duelle so essentiell für Deine Arbeit im Stadion? Weil man bei einem Passspieler ja nicht sieht, wohin der Pass geht. Im Fernsehen erlebst Du die Entwicklung des Passes. Aber auf einem Foto siehst Du ja nur den einen Spieler, der den Ball spielt. Ich mache keine Übersicht, ich fotografiere kompakt. Einen Pass kann ich also nicht einfangen. Aber die Stärke der Fotografie ist ja, dass sie Geschichten in einzelnen Bildern erzählt. Ein Mann und ein Ball allein – das erzählt nichts.

Mann gegen Mann als Verdichtung des Duells zwischen zwei Teams? Genau. Wenn Du einen schönen Zweikampf hast, hast Du oft eine Szene, die stellvertretend für die Geschichte des Spiels steht. Andere Momente, die starke Bilder ergeben sind Tore, Jubel oder Verletzungen. Oder zum Beispiel das Trikot über dem Kopf, wenn jemand eine Chance verpasst hat.

Du hast hast unter anderem Deutschland (gegen Italien), die Franzosen (gegen Irland), Polen (gegen die Schweiz) und England (gegen Island) fotografiert. Welche Deiner Bilder bei der bisherigen EM erzählen die schönsten Geschichten?  Mein Lieblingsbild bisher ist der Jubel von Payet beim Spiel gegen Albanien – als er die Fahne umkickt. . Es erzählt die Geschichte, dass einer der besten Spieler endlich eine große Leistung vollbringt. Oder das Jubelbild des Isländers, das die ganze Geschichte dieses Landes bei dieser EM erzählt. Klassische Story: Ein Underdog, der die Großen aufmischt.

Beim Spiel Frankreich gegen Irland hast Du ein Bild in Mini-Welt-Ästhetik geschossen. Ist so ein Bild ein Trend in der Fußballfotografie? Ja, das ist die so genannte Tilt-Shift-Methode. Ich wollte etwas ausprobieren. Einfach mal ein anderes Bild machen. Ich bin drei Wochen da, habe acht Spiele fotografiert, also experimentiere ich ein bisschen.

Wie viel Kunst steckt heute in der Fußballfotografie? Grundsätzlich ist Kunst ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit. Aber in einer EM-K.-O.-Phase wird das weniger wichtig. Da geht es eher um das Handwerk. Darum, dass Du das Spiel verstehst. Vor allem, wenn Du am Spielfeldrand arbeitest: Du bist ständig auf Ballhöhe, damit Du die wichtigsten Szenen einfängst. Jede Szene kann schließlich die entscheidende sein – um die Geschichte des Spiels erzählen zu können. Du hast keine Zeit, ein Bild zu komponieren. Allerdings: Wenn ich auf der Tribüne arbeite, probiere ich einiges aus: Mitzieher mit längerer Verschlusszeit zum Beispiel, mit Sonnenstrahlen spielen, die auf das Spielfeld fallen. Oder etwas mit Schatten zu kombinieren.

Zum Handwerk: Wie schaffst Du ein gutes Foto, wenn es sehr schnell geht? Schnelle Verschlusszeit haben, schnell mitbekommen, wer das Tor gemacht hat. Das Handwerk muss sitzen: Einstellung, Belichtung. Das war zum Beispiel schwierig beim Achtelfinale Frankreich gegen Irland. Da sind die Spieler ständig von der Sonne in den Schatten gelaufen.

Wie hat der Aufstieg der Soziale Medien Deine Arbeit verändert? Man muss viel schneller sein beim Verschicken der Bilder. Weil die Spiele zeitnahe im Netz erzählt werden. Für jeden wichtigen Moment müssen sofort Bilder da sein. Am besten, während im Fernsehen die zweite Wiederholung des Tors läuft. Zudem sind 360-Grad-Bilder im Kommen. Die kommen am besten in den Sozialen Medien an.

Ist es ein Problem für Dich, dass die Spieler selbst berichten können? Einerseits: ja. Als ich nach dem WM-Finale 2014 mit der Mannschaft in der Kabine war, haben die natürlich alle Bilder mit ihren Handys gemacht. Ich muss erst warten, erst dann war ich dran. Andererseits bleibt mir die Qualität. Ein großes Magazin wird weiterhin auf ein fotografisch hochwertiges Bild zurückgreifen, um eine Doppelseite zu füllen.

Und die Bilder verbreiten sich schneller. Oh ja. Das Bild der jubelnden Isländer zum Beispiel hat der Sportsender ESPN geteilt – allein damit haben mindestens eine Million Nutzer das Foto gesehen.

Du warst beim Finale der WM 2014 dabei. Auf was freust Du Dich beim EM-Finale 2016 in Paris? Ein Finale ist immer etwas besonderes. Man ist noch mehr angespannt. Es ist wie bei den Spielern: Wenn du im Finale nicht ablieferst, dann nützen dir alle guten Spiele zuvor nichts. Ich freu mich auf solche Situationen. Sie machen den Reiz meines Jobs aus. Und hoffentlich gibt es am Ende wieder Bilder mit deutschen Spielern, die den Pokal in die Höhe strecken …

Über Lars Baron
Lars Baron
Lars Baron begann sich für eine Karriere als Fotograf zu interessieren, nachdem er einen Kurs über Sportfotografie in Dislaken besucht hatte. Seine ersten Bilder machte er auf der lokalen Trabrennbahn. Danach arbeitete er als freiberuflicher Fotograf für den Sportteil der Zeitung NRZ Dinslaken, damals noch mit einer analogen Kamera. 2003 begann er als Trainee bei der Agentur Bongarts, die 2007 ein Teil von Getty Images wurde.

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