Buffon und Neuer, die sich vor dem Elfmeterschießen umarmen, Podolski in den Fans. Und ein Schweinsteiger, der mittlerweile den Rang eines Staatsmannes genießt: Sportfotograf Alexander Hassenstein begleitet das Team seit Ende Mai. Hier zeigt er seine emotionalsten EM-Aufnahmen. Und erzählt, was er dabei dachte und fühlte.

Alexander Hassenstein ist seit Wochen dabei. Sei Beginn des Trainingslager Ende Mai in Ascona reist der 45-Jährige mit der deutschen Nationalmannschaft, beobachtet sie beim Training, macht Bilder bei Pressekonferenzen und fotografiert die Höhepunkte der Spiele. Dabei kommt er den Spielern und dem Team sehr nah – fotografisch und sportlich. „Ich kann dem Bundestrainer gratulieren. Dieses Team ist eine krisenfreie Zone. Eine Generation von Spielern, die für den Sport leben“, sagt er.

20 Jahre begleitet er „die Mannschaft“ bei Turnieren. Beim Interview am Telefon spricht er schnell – und mit Begeisterung. Hier erzählt jemand nicht über seinen Beruf, sondern über seine Berufung. Was er an seinem Job liebt? „Der Welt zu zeigen, was passiert.“ Wie er seine Arbeit charakterisiert? „Es gibt künstlerische Fotografie. Und es gibt journalistische Fotografie. Ich möchte beides liefern.“

Er kommt eben von einer Pressekonferenz, auf der er Joachim Löw künstlerisch inszeniert hat. Dank dreifacher Belichtung hat Löw mehrere, aber gleiche Gesichter. „Als Fotograf lese ich Gesichtsausdrücke. Und bei Löw sehe ich keinen Druck. Ich sehe einen gefestigten, ruhenden Menschen, der von seiner Sache überzeugt ist.“ Ein Bild als Metapher dafür, dass Löw jeder Situation mit der gleichen Stärke begegnet. Und ein Bild, dass auch Hassenssteins Stärke illustriert. Seine bisherige Leistung bei der EM? „Fühle mich so wie das deutsche Team“, antwortet er und fügt hinzu: „Zurecht im Halbfinale.“

Dabei hat der Fotograf etwas mit Schiedsrichtern gemein: Wenn er nicht auffällt, ist er gut. „Stell’ Dir vor: ich mache ein Foto und störe dabei das große Ganze?“ Wie erlebt einer wie er diese Europameisterschaft? Was sind seine emotionalsten Momente? Wir bitten ihn um eine kurze Reise in die jüngste Vergangenheit dieses Turniers: Vom Viertelfinale bis zum Auftaktspiel.

(DEUTSCHLAND – ITALIEN) Alexander, starten wir die Zeitreise in dieses Turnier. Im Viertelfinale gegen Italien – was war da Dein Lieblingsmoment? Schön fand ich die Situation als sich Buffon und Neuer vor dem Elfmeterschießen abklatschen. War mehr als Sport, mehr als Elfmeter reindreschen, eine sehr sportliche Reaktion von beiden. Meine Bewunderung für diesen Sportsgeist.

Khedira muss früh vom Feld, hält sich die Hand vor die Augen. Geht mir nahe. Geht mir zu nahe. Ist ein Typ, den ich vor fünf Wochen noch privat fotografiert habe. Das tut mir weh. Sowas zeigen zu müssen, zu können, zu wollen. Tut mir einfach weh.

Und Dein Foto von Özil kurz nach seinem Treffer? Ein absolutes Highlight. Ein Glückstraummoment. Umso trauriger war ich, als ich den Elfmeterpfiff gegen Deutschland hörte. Und wusste: Damit wird das Foto nicht mehr das Bild des Spiels. Und lächeln musste ich, als Özil den Elfmeter verschoss. Weil mein Foto nun weiter in der Relevanz-Skala absank.Aber so ist das. Das steckst Du weg. Da bist Du 16 Minuten ganz oben, Du hast den Schuss den Tages. Aber mit dem 1:1 steht es nicht mehr so im Vordergrund. So ist das im Sport – und in der Fotografie.

Und Dein Lieblingsbild nach dem Siegmoment? Schweinsteiger. Er jubelt – und dreht sich sofort erstmal zu den Fans herum. Ein Hektor, der dreht durch. Der ist ein junger Typ, der soll das machen. Aber Schweinsteiger ist professionell, gesittet. Angemessen. Wir sind erst im Halbfinale, noch nicht Europameister. Er weiß, was wichtig ist. Er geht nochmal zu Buffon. Er kommt runter, um alles auf normale Temperatur zu drehen. Das finde ich wichtig.

(DEUTSCHLAND – SLOWAKEI) Nach dem Achtelfinale hast Du Joshua Kimmich mit seiner Mutter fotografiert. Ich habe ein gutes Verhältnis zu ihm. Manchmal sende ich ihm ein Bild: „Hey Joshua . Heute schicke ich Dir mal was fürs Herz“, habe ich ihm geschrieben. Er hat geantwortet: „Danke. Überragend.“ Ich freue mich, mit meinen Bildern einem Menschen persönlich eine Freude zu machen.

Wie kam Lukas Podolski zu den Fans? Ganz spontan. Überraschend. Der sieht mich und ruft mir in seinem Kölner Dialekt zu: „Mach ma Foto!“ Ich war natürlich bepackt, musste schnell alles auf die Schulter nehmen. War einfach ein schöner Abschluss eines großen Spiels.

Und dann war da Müller, der dem Slowaken Jurica aufhilft. Was für ein emotionales Bild. Es zeigt, dass es Wichtigeres gibt als Gewinnen und Verlieren. Deswegen finde ich es essentiell, dass es Szenen gibt, mit denen ich zeigen kann, dass es zwischen Sportlern menschelt – obwohl sie unter Druck stehen. Da sage ich: Danke Müller, dass Du so bist. Und: Super, dass ich das fotografieren durfte.

(DEUTSCHLAND – NORDIRLAND) Im letzten Gruppenspiel: Kimmich, der an der gegnerischen Eckfahne, den Ball verliert. Der Mann macht sein erstes Spiel für Deutschland. Ich habe ihn ja das ganze Jahr begleitet. Champions League, Pokal. Ich habe mich gefreut. War mir klar, dass er sich die Butter nicht vom Brot nehmen wird. Wie bei Bayern das ganze Jahr. Zum Glück für das Bild reagiert er so. So wird es emotional. Und zeigt so wunderbar, welchen Ehrgeiz er hat.

Schweinsteiger, der nach dem Spiel die nordirischen Fans per Daumen-hoch lobt. Da ist es wieder, was mir so gut gefällt. Der Sportsmann. Ich liebe Sportler, die gerade stehen. Er wusste genau, was diese Leute auf den Tribünen geleistet hatten. Die hatten das Spiel durchgesungen.

Schließlich Hummels, der seine Cathy küsst. Die beiden sind ein Traumpaar. Niemand küsst sich so leidenschaftlich. Es war ein ruhiger, guter Moment. Mit der Erkenntnis: Hummels ist ein erfahrener Spieler – und ein erfahrener Küsser.

(DEUTSCHLAND – POLEN) Das zweite Gruppenspiel: Nach dem Spiel schmeißt Neuer seine Handschuhe weg. 0:0. Ein guter Moment. Habe ich so von Neuer nie gesehen. Habe mir gedacht: Was ist denn das? Da habe ich beim Zusammenpacken gemerkt, wie ich das Ergebnis gegen Polen werten kann: schlecht. Durch die Kamera konnte ich die Wahrheit sehen. Wenn Du ihn danach fragst. „Manuel, wie war es?“ – wird er sagen: Gut, zwar 0:0, aber ok. Im Fernsehen kann er das erzählen. Aber auf dem Bild sagt er was anderes. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Lewandowski, der über Neuer fliegt. Wunderbar. Das ist wie zuhause. Habe mich gefühlt wie in der Allianz-Arena. Zudem ist rechts noch Hummels drauf. Das ist der FC Bayern ab der Saison 16/17. Willkommen im Klub. Dieses Bild sehen wir ab August wieder.

(DEUTSCHLAND – UKRAINE) Das Eröffnungsspiel: Die Boateng-Szene, oder? Ja. Auch. Aber noch mehr Schweinsteiger. Weil er wieder gekommen ist. Weil er sich davor im Training geschunden hat. Der vermeintlich alte Mann, die Wade der Nation, er kann wieder. Eine super Geschichte, eine klassische Heldenreise. Ich verfolge ihn seit Jahren. Auch näher am Training. Da hänge ich näher drin. Ihn habe ich schon 2006 und 2008 fotografiert. Da schließt sich eine Geschichte.

(DEUTSCHLAND – FRANKREICH) Und damit in wieder zurück in die Zukunft. Was passiert am Donnerstag?
Ich freue mich auch, wenn Frankreich gewinnt, für das Land, für die Leute. Das würde mir nahe gehen. Und so ist das nun mal im Sport. Ob Deutschland in einem Halbfinale gewinnt oder verliert: Beides ist gut. Ich freue mich darauf.

Nah an der Mannschaft: Alexander Hassenstein in Evian, dem Trainingscamp der deutschen Mannschaft – kurz vor dem Halbfinale gegen Frankreich.
Nah an der Mannschaft: Alexander Hassenstein in Evian, dem Trainingscamp der deutschen Mannschaft – kurz vor dem Halbfinale gegen Frankreich.

Über Alexander Hassenstein
„Die meist gesprochene Sprache der Welt ist nicht Mandarin“, schreibt Hassenstein auf seiner Webseite. „Sondern Bilder.“ Dass er diese Sprache seit vielen Jahrzehnten beherrscht illustrieren seineSeine besten Bilder für Getty Images und seine Aufnahmen, die er bei Instagram veröffentlicht.