360-Grad-Fotografie, Gigapixel, Robotics: Fotograf Matthias Hangst spricht über den aktuellen Einsatz von innovativen Technologien bei der Bildberichterstattung großer Sportereignisse. Und darüber, wie er sich die Zukunft vorstellt.

 Matthias, auf wie viele Knöpfe konntest Du während einer Fußball-EM-Partie drücken? Einmal auf die Kameras, die ich dabei habe – beim Fußball sind das drei. Das lange Teleobjektiv, das mittlere Zoom für Torszenen und ein Weitwinkel-Objektiv, falls vor mir die Jubeltraube stattfindet. Zudem kann ich per Fuß eine Taste bedienen, die über ein Kabel mit der Kamera hinter dem Tor verbunden ist.

Sportfotograf Hangst: "Zudem kann ich per Fuß eine Taste bedienen, die über ein Kabel mit der Kamera hinter dem Tor verbunden ist." (Foto: Alex Grimm)
Sportfotograf Hangst: „Zudem kann ich per Fuß eine Taste bedienen, die über ein Kabel mit der Kamera hinter dem Tor verbunden ist.“ (Foto: Alex Grimm)

Und wenn nun vor dem Tor etwas passiert … schieße ich gleichzeitig mit der Hand und mit dem Fuß. Zudem: Sobald die Kamera hinter dem Tor schießt, schickt sie ein Funksignal nach oben unter das Dach, in den großen Stadien in Paris und Marseille haben wir dort so genannte Catwalk Remotes, die den Strafraum aus der Luft abdecken. Aber: Funksignale in Stadien sind anfällig, aufgrund von Interferenzen – zum Beispiel durch Handys. Da musst Du vorher schauen, mit welchen Frequenzen Du arbeitest. Das einzustellen ist sehr aufwendig, weil Du nach jedem Test hochlaufen musst, um zu prüfen, ob das Signal angekommen ist. Daher sind wir oft schon Tage und Wochen vor einem Spiel im Stadion.

Welche neuen Technologien hast Du bei der Euro 2016 eingesetzt? 360 Grad-Fotografie in einer Kamera. Neu dabei ist, dass es ein Gerät gibt, das auf einem kleinen Stativ steht. Und ich dazu eine App auf meinem Handy habe, dort einen Knopf drücke, das Bild geschossen wird – und ich es sofort verschicken kann.

Warum ist 360-Grad-Fotografie ein Zukunftstrend Deiner Arbeit? Weil die Menschen dieses Gefühl des Dabeiseins wünschen. Weil zum Beispiel Stadien natürlich begrenzt sind, viele Menschen werden ein Spiel nie live sehen können. Und mit der 360-Grad-Fotografie kannst Du tiefer eintauchen.

Götzes Genie-Augenblick wie im WM-Finale 2014 erleben wir irgendwann als 360-Grad-Moment? Ich freue mich darauf, wenn das technisch eines Tages machbar ist, dann ist das ein Durchbruch. Aktuell geht das noch nicht. Man darf nicht vergessen: Kameras, die 360-Grad-Bilder mit einem Klick machen, die gibt es noch nicht so lange. Als wir 2012 angefangen haben 360° Motive zu produzieren, haben wir noch mit der aufwendigen „Stitching-Methode“ gearbeitet – also mit einem Gerät, das viele Bilder machte und zusammenführte. Wir bleiben also immer ab den neuesten Entwicklungen dran.

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Bei den kommenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro schießt ihr wieder superhochaufgelöste Bilder, auf der sich Fans, die im Stadion waren, selbst taggen können – wie damals beim WM Finale 2014. Warum sind diese Gigapixel-Aufnahmen ein wachsender Trend? Weil es Dir eine Chance gibt, Teil des Geschehens zu werden: Schaut mal, hier saß ich, ich war dabei. Und ich sehe, wer da um mich herum war. Das finde ich eine spannende Nummer. So etwas funktioniert nur als Foto.

Wie erstellt ihr so ein Bild? Das geht nicht mit einem Klick. Es gibt verschiedene Methoden. Die gängigste ist eine Apparatur, in die man eine Kamera hängt und mit einem Computer verbindet. Und diese fährt dann die Szenerie ab – wie ein Drucker Zeile für Zeile. Allerdings: Das funktioniert oben bei den Zuschauern. Die bewegen sich nicht so viel. Aber auf dem Feld, da musst Du es bauen. Das ist sehr komplex. Am Ende ist eine große Montage.

Bei Olympia 2012 habt ihr zudem erstmals eine Art Roboter eingesetzt, der auch 2016 am Start sein wird.  Ja, die Robotics-Technologie. Das sind Systeme, in die Du eine Kamera integrierst – und diese dann von überall auf der Welt bedienen kannst. Wie mit einem Joystick, sieht aus wie ein Playstation-Controller.

Sitzt der Fotograf der Zukunft in einem Büro mit einem Joystick? Jein. Ja, weil wir so Perspektiven zeigen, die der Zuschauer sonst nicht kennt. Und wir können die Systeme dort installieren, wo kein Fotograf Platz hat. Beispiel Olympia: Beim Gewichtheben werden wir eine Kamera direkt über dem Sportler anbringen. Die Sicht von oben ist für den Zuschauer relativ neu. Beim Schwimmen installiert Getty Images die fernbedienbaren Kameras unter Wasser. Und für die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien haben wir die Systeme ins Stadiondach montiert.

Und „nein“ … Weil nichts je so schnell sein wird wie Deine Hand-Augen-Koordination – eine Voraussetzung bei schnellen Sportarten wie Fußball.

Wie funktioniert denn die Arbeit mit dem Joystick? Das Bild wird als Video übertragen, ich folge der Aktion und feuere gleichzeitig. Das funktioniert zum Beispiel beim Gewichtheben. Aber: Einen Mesut Özil, der quer über den Platz sprintet, dem kann ich nicht folgen.

Was erwartet uns fotografisch beim Sportevent der Zukunft? Mein Traum: ein Virtual-Reality-Gigapixel-Bild. Ein magischer Moment wie das Götze-Tor bei der WM 2014, dann aber rundum betrachtbar – und in hoher Auflösung. Das wäre fantastisch.

Über Matthias Hangst
Matthias Hangst ist preisgekrönter Sportfotograf mit Sitz in Karlsruhe. Der 38-Jährige fotografierte unter anderem bereits sieben Olympische Spiele, dazu sowohl die Damen- als auch die Herren-WM-Finals im Fußball. Er arbeitete als unabhängiger Fotograf für mehr als zehn Jahre. Seit 2014 ist er bei Getty Images als fester Fotograf.

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