„Die Fotos, die wir tagtäglich in den Nachrichten sehen, prägen unser Bild der Welt. Ich bin davon überzeugt, dass Bilder dazu beitragen können, Ängste und Vorurteile abzubauen.“

Der US-amerikanische Fotojournalist Sean Gallup glaubt fest daran, dass Bilder zwischen Menschen vermitteln können. Seit Anfang 2015 dokumentiert er die Flüchtlingskrise in Europa und begleitete flüchtende Menschen bei ihrem Weg über die grüne Grenze von Österreich nach Deutschland. Auch nach dem Abklingen der großen Headlines verfolgt Gallup weiter, wie Integration in Deutschland gelingen kann.

Vor etwa einem Jahr erreichte die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt – wie sah deine Arbeit als Fotojournalist damals aus?
Zwischen August und Oktober 2015 kamen jeden Tag 10.000 Menschen in Deutschland an. Knotenpunkte waren damals die Bahnhöfe, Erstaufnahmezentren und Wohnheime. In den Bildern, die ich damals gemacht habe, ging es um die Masse der nach Europa drängenden Flüchtlinge. Dahinter stand die Frage: Wie kommt Deutschland mit diesen vielen Menschen klar?

Wie unterscheidet sich die Berichterstattung zur Situation der Flüchtlinge heute zu der vom Sommer 2015?
Die Situation ist heute viel entspannter. Die Zahl der Neuankömmlinge hat sich drastisch reduziert. Der Rückstau der Asylanträge wurde gelöst. Das Thema wird jetzt viel ruhiger angegangen. Die Flüchtlingskrise sorgt nicht mehr für die großen Headlines. Für mich als Fotojournalist ist es heute schwieriger, aussagekräftige Bilder zu machen. Ab und zu gibt es einen offiziellen Fototermin, bei dem ein Politiker eine Bildungseinrichtung besucht. Aber für eine tiefgehende Berichterstattung reicht das nicht aus.

Welchen Schwierigkeiten begegnest du heute bei der Berichterstattung über die Situation von geflüchteten Menschen in Deutschland?
Die Geschichten sind kleiner geworden, persönlicher. Ich kann nicht mehr einfach zu Bahnhof laufen und abwarten, was an diesem Tag passiert. Die Fragen, um die es heute geht, sind individueller: Wie sind diese Leute in Deutschland angekommen? Wie sieht ihr Alltag aus? Ich muss viel selbst recherchieren, um in Kontakt mit Schulklassen oder Ausbildungsbetrieben zu kommen, die Flüchtlinge aufgenommen haben.

Was ist deine Lieblingsgeschichte zum Thema Integration?
Es gibt einige sehr charmante Beispiele die zeigen, wie Deutschland von den Asylsuchenden profitieren kann. Viele Flüchtlinge aus Pakistan und Afghanistan spielen Cricket, darunter sind sogar einige Profi-Sportler. Dadurch erlebt die deutsche Cricket-Szene gerade einen enormen Aufschwung. Mein Kollege Karsten Koall hat vor Kurzen bei einem Cricket-Tournier in Bischofswerda Teams aus Bautzen und Dresden fotografiert, die Flüchtlinge aufgenommen haben und jetzt richtig durchstarten. Das sind so kleine Erfolgsgeschichten, über die ich mich freue.

Warum liegt dir das Thema Flüchtlinge so am Herzen?
Ich bin ja selbst als Ausländer nach Deutschland gezogen und weiß daher, wie schwierig es sein kann, sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Bilder dazu beitragen können, Ängste und Vorurteile abzubauen. In meinen Fotos stelle ich immer den menschlichen Aspekt in den Mittelpunkt. Es ist wichtig zu zeigen, dass es nicht um Zahlen oder Statistiken geht, sondern um Menschen und Familien.

Was können solche Bilder bewirken?
Bilder haben die Macht, Menschen näher zusammen zu bringen. Sie können das kommunizieren, was uns alle vereint: unsere Menschlichkeit. Zum Schutz der Privatsphäre werden die Gesichter von Flüchtlingen in der Presse häufig verpixelt dargestellt. Dadurch wird der menschliche Aspekt leider verwässert. Es muss herausgestrichen werden, dass es in erster Linie um Menschen geht, die gar nicht so anders sind als du und ich. Das eröffnet einen ganz anderen Blick auf Flüchtlinge der es ermöglicht, in einen Dialog mit ihnen zu treten.