„Beim 1:0 für Dänemark bin ich noch sicher: ein Schönheitsfehler. Ob man nun 4:1 oder 4:0 gewinnt, Pusteblume. Beim 2:0 fahre ich gegen eine Mülltonne.“

2006 spielen er und seine Band den Soundtrack zum Sommermärchen der Deutschen Nationalmannschaft. 14 Jahre zuvor fährt Florian Weber, Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller, Pizza aus. Es ist Freitag, der 26. Juni 1992 – und es ist EM-Finaltag zwischen Dänemark und Deutschland. Hier erinnert er sich, wie er diesen Tag vor genau 24 Jahren erlebte.

von Florian Weber

Diese Geschichte beginnt sechs Jahre vor diesem EM-Finale. 1986, Sommer in Schrobenhausen. Der Gigi war immer Dänemark. Preben Elkjer Larsen, Morton Olsen, Jesper Olson, die Laudrup Brüder. Dagegen standen meine Brasilianer. Socrates, Junior, Careca und Zico. Auf schlechtem Rasen wurde hart gebolzt, zwischen zwei provisorischen Torpfosten hin und her gespielt und noch lauter kommentiert.
G: „Und da kommt Jesper Olsen über außen, Pass auf den fantastischen Brian Laudrup, der fünf Brasilianer ins Leere laufen lässt …“
F: „… doch Socrates hat aufgepasst, mit der Hacke klärt er auf Junior, der mit einem sehenswerten Fallrückzieher auf Zico passt …“

An diesem Tag fahre ich Pizza aus, weil ich Geld für ein neues Schlagzeug brauche.

Beim Finale der EM 1992 dann sitzt Gigi vorm Fernseher und drückt seinen früheren dänischen Vorbildern die Daumen. Aus traditioneller Verbundenheit. Ich sitze in einer Rostlaube und fahre Pizza aus. Erstens ist Brasilien nicht dabei, zweitens brauche ich Geld für ein neues Schlagzeug und drittens war ich während der Gruppenphase tatsächlich in Schweden. Deutschland gegen GUS, Deutschland gegen Schottland, Schottland gegen GUS, alles im Idrottspark in Norrköping gesehen. Ich hörte Rudi Völlers Arm brechen, sah Klinsmann blau werden, als er seine Zunge verschluckte, und feierte inmitten beschwingter Schottenfans den Sieg der deutschen Nationalmannschaft. Ich habe einige große Momente der EM 92 hautnah erlebt, vielleicht verlor deswegen das Finale, dann zurück in Deutschland, an Zauber für mich und trug mich für diese Schicht ein.

Egal, wie gesagt, Leute wollen zum Finale ihre Pizza essen. In dem Lokal, indem ich arbeite, klingelt das Telefon in Dauerschleife und ich verchecke Pizzas an nervöse Fußballfans, aus deren Wohnzimmern grünes Licht schimmert. Ob aus diesen Fernsehräumen oder aus meinem blechernen Autoradio, ich vernehme laufend den Namen Schmeichel, Schmeichel, Schmeichel. Dänemarks Torhüter vereitelt gefühlt vierhundertdreiundachtzig Großchancen von Klinsmann, Riedle, Häßler. Und dann sind da zwei Namen, wie Blitze schießen sie aus den Boxen, wie gemeine Keulen, wie dänische Bierfahrer, welche Ungemach verheißen. Jensen, wie: „Sensen!“ Und Vilfort, wie: „Ich will nur noch fort.“

Beim Abpfiff bin ich so verwirrt, dass ich mit einer Fünferladung Pizza zu unserem alten Bolzplatz fahre.

Beim 1:0 für Dänemark bin ich noch sicher: ein Schönheitsfehler. Ob man nun 4:1 oder 4:0 gewinnt, Pusteblume. Beim 2:0 fahre ich gegen eine Mülltonne. Beim Abpfiff und der Bestätigung des ungläubigen Radiokommentators, Dänemark hätte Deutschland geschlagen, bin ich so verwirrt, dass ich mit einer Fünferladung Pizza zu unserem alten Bolzplatz fahre. Gedankenverloren blicke ich über die dreckige Wiese, habe Gigis heiseren Schreie im Ohr („…und Flemming Povlsen macht das Toooooooor!“) und überlege, warum auch gerade jetzt auf dem Adresszettel der Lieferung Familie Nielsen steht.

Ich fahre dorthin. Als sich die Tür öffnet und ein adretter Herr mich anlächelt, halte ich ihm die fünf Cartonagen entgegen. Ich witzele: „Bitte, zweimal Pizza Vilfort, zweimal Pizza Jensen und eine Laudrup. Gratulation.“ Der Mann sieht mich entgeistert an: „Das haben wir so nicht bestellt.“ Immerhin komme ich noch zu folgender Erkenntnis: Fußball ist nicht jedermanns Sache.