Tobias Escher, 28, hat auf spielverlagerung.de seine Leidenschaft für Fußballtaktik zum Beruf gemacht. Er erklärt, warum Löw gegen Italien alles richtig gemacht hat. Und was Deutschland beim Spiel gegen Frankreich erwartet.

 

2011 hast Du mit ein paar Kollegen die Seite spielverlagerung.de gegründet. „Diese Seite ist der Versuch, dem interessierten Leser das Thema Fußballtaktik näher zu bringen“, schreibst Du auf eurer Seite. Welchen generell Taktik-Trend beobachtest Du bei dieser EM? Was wir sehen ist, dass manche Teams wieder etwas von der Raumdeckung weggehen – und wieder mehr auf mannorientierte Elemente setzten. Also dass gerade die Mittelfeldspieler ihre Gegenspieler weit verfolgen. Und eng decken. Portugal spielt das stark. Italien hatte auch relativ viele mannorientierte Elemente gegen Spanien.

Du arbeitest als Journalist unter anderem für die Welt. Für 11Freunde hast Du jüngst geschrieben: „Dass sich Deutschland an den Spielstil Italiens anpasste, das war richtig. Die Dreierkette verhinderte Konter Italiens“. Was hat Deutschland besser gegen Italien gemacht als Spanien? Löws Dreierkette war meiner Meinung nach eine gute Idee, weil er damit in der Verteidigung eine Überzahl gegen die italienischen Stürmer schuf. Gleichzeitig konnten die Außenverteidiger vorrücken und die gegnerischen Verteidiger nach hinten drängen. Italien konnte so seine Konterwucht nie zum Einsatz bringen. Und das hat ja auch in der zweiten Halbzeit sehr gut funktioniert.

Links und rechts der Dreierkette spielten ja noch Außenverteidiger. Also war es eigentlich eine Fünferkette? Es hält sich die Waage, wenn man das spielt. Defensiv, ja, ist es eine Fünferkette, weil die Außenvertediger sich zurückfallen lassen. Sie können aber im Spielaufbau weiter vorrücken, weil es in einem Kontermoment kein Problem ist, wenn sie nicht hinten sind. Denn die Dreierkette kriegt die Breite des Felds immer noch ganz gut abgedeckt. Das ist mit zwei Innenverteidigern schon schwieriger. Daher der Wechsel zwischen Dreier- und Fünferkette.

Bei spielverlagerung.de hat Dein Kollege Tim Rieke geschrieben, dass die deutsche Mannschaft nach der Halbzeit einen Schritt in die richtige Richtung machte. „Schlüsselaspekt waren Interpretationsveränderungen im Mittelfeld.“ Was bedeutet das? Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger zum Beispiel haben ihre Rollen verändert und die Seiten getauscht. Sie haben sich nicht mehr so in die Breite lenken lassen und sind so besser ins Spiel eingebunden gewesen. Dadurch wiederum konnten die Innenverteidiger etwas weiter vorrücken und die Räume im Mittelfeld besetzten.

Und dann fiel das 1:0. Deine taktische Analyse dazu? Schöner Pass von Mario Gomez. Da hat man gesehen, dass er nicht nur Verwerter ist. Auch ein schöner Laufweg von Hektor. Und schön zu sehen anhand dieses Tores: Özils stärkere Präsenz in der zweiten Halbzeit.

Wie schätzt Du Löws taktische Kompetenz bei diesem Turnier ein? Bis jetzt hat er keinen Fehler gemacht. Bislang waren kaum Schwächen im deutschen Spiel erkennbar.

Welche Spieler fallen Dir aufgrund ihrer taktischen Kompetenzen auf? Es ist vor allem ein Turnier der starken Verteidiger. Hummels und Boateng zum Beispiel, die bewegen sich sehr intelligent. Die sind in jeder Spielphase präsent. Normalerweise schalten Innenverteidiger ein bisschen ab, wenn der Ball nach vorne geht. Das machen die beiden nicht. Sie rücken nach. Sie bewegen sich zur Seite. Sie machen kleine Bewegungen, um jederzeit anspielbar zu sein, sollte der Angriff abgebrochen werden müssen. Und das ist der Unterschied zu anderen Teams: Deutschland kann Angriffe sehr gut neu aufbauen.

Und in der Offensive? Ein wichtiger Spielertyp ist Aaron Ramsey, der bei Wales sehr viel für Verbindung und Durchschlagskraft sorgt. Und sich da sehr gut bewegt, der mir sehr positiv aufgefallen ist. Auch seine Raumfindung. Das Erkennen, in welchen Szenen Dynamik gebraucht wird. Und in welchen nicht. Er ist mit Eden Hazard der Vorlagen-König dieses Turniers. Er sieht die richtigen Pässe.

Hummels gesperrt, Gomez verletzt … Was bedeutet das für die Taktik von Löw gegen Frankreich? Eine gute Frage. Es kann sein, dass er wieder auf die Dreierkette setzt. Ich kann mir auch vorstellen, dass man mit Höwedes eine Viererkette spielt. Und vielleicht das Mittelfeld eher verstärkt. Denn gerade dort haben die Franzosen gegen Island stark angegriffen. Mit Payet, Griezmann und den vorrückenden Matuidi (Bild darüber) und Pogba (Bild darunter). Darauf wird er achten müssen. Da bin ich gespannt, ob er eine Variante mit drei Mittelfeldspielern wählt.

Wer ist aus Deiner Sicht der taktisch interessanteste Franzose? Pogba ist ein Spieler, der alles kann. Der nicht nur taktisch interessant ist, sondern auch einer der komplettesten Spieler ist, der keine technischen oder taktischen Schwächen hat. Er weiß, wann er nachrücken muss. Wie er dem Spiel seinen Stempel aufdrückt. Manche neigen dazu, blind aufzurücken. Das macht Pogba nicht. Er ist immer in den richtigen Räumen präsent. Das war am Anfang der EM noch anders, da wollte er zu viel. Das hat er spätestens gegen Island abgestellt.