„Das Team von 1996 war sicherlich nicht fußballerisch stärker als das von 2016. Aber bei so einem Turnier entscheidet der Kopf, da kommt es auf die mentale Stärke an.“

Teamspieler Dieter Eilts, Hochzeiten im Team-Hotel, ein unfairer Italiener und ein denkwürdiges Treffen mit der Queen: Deutschlands Ex-Nationalspieler und Europameister Thomas Helmer erinnert sich anhand von Bildern an die EM 1996 in England. Und verrät, was dieses Team von Deutschland 2016 unterscheidet.

„Deutschland 1996 – wir waren ein echtes Team“

Die Fakten zum Bild: Aufstellung der Deutschen Mannschaft vor dem zweiten Vorrundenspiel gegen Russland am 16. Juni 1996 in London.
So erinnert sich Thomas Helmer: „War das das Eröffnungsspiel? Nein. Kokser war nicht mehr dabei, wie wir Jürgen Kohler nannten. Oli Bierhoff hat tatsächlich mal von Anfang an gespielt? Das muss an mir vorbei gegangen sein. Dann gegen Russland? Ich erinnere mich, dass wir viel zu hoch gewonnen haben. Und an das Außenrist-Tor von Jürgen Klinsmann.

Wir waren stark, wollten die Schmach der WM 1994 wettmachen, bei der wir die viel besseren Einzelspieler hatten. Da hätten wir Weltmeister werden müssen, behaupte ich bis heute. Die waren keine Mannschaft. Aber wir waren ein Team.

Zum Beispiel Dieter Eilts, ich habe nie mit einem besseren Teamspieler gespielt. Er hat damals schon die “6” gespielt, die heute so enorm wichtig ist. Dieter war jemand, der außerhalb des Platzes total ruhig war. Im Spiel, das kann man sich nicht vorstellen, hat er nur geredet und dirigiert: Wir müssen uns umstellen, uns zurückfallen lassen, Räume enger machen. Und da war Dieter immer einer der Ersten, der das sofort erkannt hat. Und das zeichnet einen Teamspieler aus. Der war sich auch nicht zu schade, nach links oder rechts zu laufen. Oder eine Lücke zu schließen für jemanden, der nicht mit zurück gekommen ist. Und so dachten alle im Team.“

„Christian Ziege und ich sind beide Linksfuß. Das schweißt zusammen“

Die Fakten zum Bild: Thomas Helmer beglückwünscht Christian Ziege zu dessen 1:0 im Auftaktspiel gegen die Tschechische Republik am 9. Juni in Manchester. Links: Fredi Bobic.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Was mache ich da so weit vorne? War das eine Standardsituation? Nein, Moment: Christian zieht nach innen und schießt ins kurze Eck. Ist eine Floskel, aber: Das erste Spiel ist immer das wichtigste. Und dieses war ein Fingerzeig. Die Tschechen waren echt gut.

Mein Verhältnis zu Christian war sehr gut. Wir spielten ja zusammen bei Bayern. Wir sind beide Linksfuß, das schweißt zusammen. Aber in diesem Team merkten wir, dass jeder den anderen braucht. Dieter zum Beispiel. Mit den Bayern-Spielern verband mich sowieso einiges. Aber auch mit Andi Möller. Und mit Thomas Hässler war ich bei der Bundeswehr. Und es herrschte eine lockere Stimmung. Auch wegen der Atmosphäre in England: die engen Stadien, dieser Fußballgeist. Ein Highlight.“

„Wir waren alle flexibel, aber defensiv denkende Leute.“

Die Fakten zum Bild: Luft-Zweikampf zwischen Martin Frydek und Thomas Helmer – im Auftaktspiel gegen die Tschechische Republik.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Bei den Tschechen gab es einige, die wir aus der Bundesliga kannten. Kadlec, Kuka und wie sie alle hießen. Poborsky war auch kein Unbekannter, die hatten schon gute Namen. Und wir hatten ja das Problem, dass sich Kapitän Kohler ja in diesem Spiel verletzt hatte. Es war dann eine Trotzreaktion. Und egal, wer nun hinten gespielt hat: Ob Matthias [Sammer] nun Libero gespielt hat. Oder Markus [Babbel] und ich davor. Ich habe auch mal Mittelfeld gespielt. Mit Ziege, Steffen Freund und Dieter Eilts zusammen: Wir waren alle flexibel, aber defensiv denkende Leute. Das war das Wichtigste. Wir haben genau gewusst, so wie wir uns selbst eingeschätzt haben, dass wir eine Chance haben, wenn wir erstmal kein Tor bekommen. Und in der Vorrunde kassierten wir ja auch keins.“

„Wir lebten in einem Golfhotel – in dem jeden Tag eine Hochzeit stattfand“

Die Fakten zum Bild: Markus Babbel und Thomas Helmer im Caddy am 12. Juni 1996 – unterwegs in der Peripherie des Mannschaftshotels.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Zwischen dem Spiel gegen die Tschechen und die Russen war eine Woche Pause. Da hat uns Berti [Vogts] frei gegeben. Wir sind dann in ein paar Pubs marschiert. Eike Immel hat uns da durch Manchester geführt, der spielte ja damals bei City. Das war lustig. Aber die Woche zog sich.

Wir lebten ja im Hotel Mottram Hall in Prestbury, das war ja eigentlich ein Golfhotel. Die hatten mitten im Golfgelände ein Fußballfeld gebaut. Da flogen uns manchmal die Golfbälle um die Ohren. Das Pressezelt war hinter dem Golfplatz. Und so sind wir immer vom Hotel zu den Journalisten gefahren.

Ich weiß noch, dass im selben Gebäude gefühlt jeden Tag eine Hochzeit war. Da ist auch der eine oder andere von uns abgetaucht – und hat mitgefeiert. Was auch sehr lustig war: Es gab eine Sauna in unserem Hotel. Manche erinnern sich noch an diesen Skandal, den die englischen Zeitungen ausgelöst hatten. Zum Glück haben die sich damals auf Jürgen Klinsmann gestürzt. Und nicht auf mich, ich saß nämlich neben ihm – als uns in der Sauna nahe gelegt wurde, doch hier bitte eine Badehose anzuziehen.“

„Er hat mich absichtlich getroffen. Deswegen war ich so sauer“

Die Fakten zum Bild: Drittes Vorrundenspiel gegen Italien am 19. Juni 1996 in Manchester. Thomas Helmer wird von Teamarzt Hans Wilhelm Müller-Wohlfart behandelt – nach einem Foul von Pierluigi Casiraghi.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Casiraghi, du Blödmann! Er hat mich absichtlich getroffen – davon bin ich bis heute überzeugt. Er hatte keine Chance, an den Ball zu kommen. Ich kläre den Ball – und er tritt mir in der Luft gegen das Knie. Ergebnis war ein Bluterguss, der die Bewegung einschränkt. Ich konnte das Bein nicht mehr richtig strecken und beugen. Und bis das abtransportiert ist, das dauert. Deswegen war ich so sauer. Ich dachte erst: Das ist mein Aus. Aber wir hatten immer die beste medizinische Abteilung. Ohne die wäre ich sowieso nicht Europameister geworden.“

„Paul Gascoigne, der war im Spiel nicht kaputt zu kriegen“

Die Fakten zum Bild: Halbfinale Deutschland gegen England am 26. Juni 1996 in Wembley. Thomas Helmer versucht, Superstar Paul Gascoigne den Ball abzunehmen.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Paul Gascoigne war ein großartiger Spieler. Muss man echt sagen. Der gab nie auf, gute Spielintelligenz, gute Spielübersicht, wollte immer den Ball haben. Hat sich immer anspielen lassen. Der war nicht kaputt zu kriegen. Der war beeindruckend. Überhaupt: England war eine gute Truppe. Super Spieler: Shearer, Sheringham, und eben Gascoigne. Sie hatten aber das übliche englische Problem: keinen vernünftigen Torwart.

Und gegen England spielen war sowieso ein Highlight. Weil die Teams in dieser Partie miteinander sehr fair umgingen. Trotz der Rivalität. Ich erinnere mich nicht daran, ob ich ihm hier den Ball abnehme. Aber er hat ja dann in der Verlängerung eine Szene, in der er einen Schritt zu spät kommt und nur fast das Tor macht. Vielleicht habe ich ihn ja in diesem Moment getroffen und etwas verletzt? Übrigens: Im diesem Spiel habe ich mir das andere Knie auch noch verletzt, weil ich bei einer Grätsche umgeknickt bin.“

„Majestät, bei allem Respekt – würden Sie jetzt bitte den Platz verlassen?“

Die Fakten zum Bild: Die Queen begrüßt jeden Spieler vor dem Finale am 30. Juni in Wembley gegen die Tschechische Republik.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Das Bild gab es doch jüngst im Netz als Gag zu ihrem 90. Geburtstag? So nach dem Motto: Ich hätte ihr auch gratuliert.

In diesem Moment dachte ich: ‚Liebe Majestät, bei allem Respekt – würden Sie jetzt bitte den Platz verlassen? Wir wollen anfangen.‘ Im Hintergrund sieht man die Kapelle. Wir wollten uns warm machen, durften aber erst nicht auf den Platz. Dann haben wir 20 Minuten vor dem Spiel entschieden: Komm, wir gehen einfach raus – und uns dann zwischen den Musikern aufgewärmt. Und das vor so einem Spiel!

Ich hatte das Grüßen übrigens nicht geübt. Wo auch? Aber sie war auch sehr ruhig. Wir haben uns einfach die Hand gegeben. Und das wars. Und die hatte ja auch keine Ahnung, wer ich bin. Da muss ich mir nichts vormachen.“

„Bei so einem Turnier entscheidet der Kopf, da kommt es auf die mentale Stärke an.“

Die Fakten zum Bild: Deutschland bejubelt den dritten und bislang letzten EM-Titel nach einem 2:1 durch Golden Goal gegen die Tschechische Republik.
So erinnert sich Thomas Helmer: „Das Team von 1996 war sicherlich nicht fußballerisch stärker als das von 2016. Aber bei so einem Turnier entscheidet der Kopf, da kommt es auf die mentale Stärke an. Wenn ich mir die Nationalmannschaft heute anschaue, dann ist mir das ein bisschen zu glatt. Die sind sicherlich die besseren Fußballer, spielen ein anderes Tempo. Aber von den Persönlichkeiten her waren wir damals das bessere Team.“

 

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