Die visuellen Trends, die wir für dieses Jahr angekündigt haben, sind gerade überall zu sehen – aber die Beispiele, die wir für Sie rausgesucht haben, sind überraschend.

Ende 2015 hat unser Experten-Team die visuellen Trends angekündigt, die sich in diesem Jahr durchsetzen würden: Outsider In, Extended Human, Divine Living, Messthetics, Silence vs. Noise und Surreality. Zusammen zeigen sie die übergeordnete Richtung auf, die die visuelle Kultur gerade weltweit einschlägt. Darüber hinaus erfassen sie die Konzepte, die unsere Sicht und unser Verständnis der Gegenwart definieren. Und seit Anfang des Jahres sind sie in allen Medien zu finden.

1. Outsider In

Unser Forecast 2015: „Menschen, die an ihre Grenzen gehen, und Bilder, die mit Traditionen brechen, finden immer mehr Anklang, während das Geschmacksempfinden immer wagemutiger wird.“

In diesem Jahr sind alle Arten von Außenseitern vertreten – vom überraschenden Rollentausch bis hin zu immer populäreren Figuren wie dem Rebellen und dem Unterdrückten.

Während Mini Cooper und Android sich den Ausgemusterten zuwenden, zeigt die jüngste Kampagne von Secret Deodorant mit ihren #StressTest Spots eine mutige Frau bei einem ziemlich ungewöhnlichen Heiratsantrag. Der Spot wurde schnell zu einem Renner in den sozialen Medien. Wie auch immer die Reaktionen ausfielen, eines ist klar: Das ist keine Situation, die wir täglich zu sehen bekommen.

Mit der Kampagne „Be together. Not the same“ von Android erklärt das Betriebssystem von Google die Andersartigkeit zum Helden und feiert die Kraft, die trotz der Unterschiede im Miteinander liegt. Der aktuellste Spot bedient sich des Klischees vom typischen Schulhof-Tyrannen und besetzt mit dem animierten Trio von Stein, Schere und Papier eine Gruppe, die sich als Außenseiter zusammentut und ihre Solidarität demonstriert.

In der Zwischenzeit unterstreichtMini seine Außenseiterposition mit #DefyLabels, einem Spot, der im Vorfeld des diesjährigen Superbowls gelauncht wurde. Der Spot zeigt berühmte Sportler, Schauspieler und Musiker (die selbst in klischeehafte Schubladen gesteckt wurden und da durch mussten), die eine Menge verschiedener Attribute von sich geben, die Mini zugeschrieben werden, bevor uns Harvey Keitel schließlich wissen lässt: „Diesem Auto ist es egal, was du von ihm denkst.“

2. Extended Human

Unser Forecast 2015: „Unsere Vorstellung von „Menschsein“ dehnt sich aus, da wir uns die Macht der Technologie in jedem Bereich unseres Lebens zunutze machen. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen – was dabei herauskommt ist höchst faszinierend.“

Die Technologie überschreitet fortlaufend unsere noch so kühnsten Vorstellungen. Die Bilder, die sich um diese Entwicklung ranken, stehen dem in nichts nach. Noch nie da gewesene Innovationen im Bereich Wearable Tech und eine fortwährende Flut an neuen Erfindungen verändern die Art, wie wir – und unsere Körper – funktionieren.

DieUS-amerikanische Multiple Sklerose Gesellschaft zeigt in diesem Frühling einen Spot über das Leben und die Karriere der Surflegende Steve Bettis, der im Alter von 57 Jahren mit der Diagnose MS konfrontiert wurde und heute an einen Rollstuhl gebunden ist. Neue Technologien ermöglichen es ihm, von Zuhause aus virtuell Wellen zu reiten. Die audiovisuellen Ergebnisse sind verblüffend: 360-Grad-Perspektiven, Sonnenlicht auf brechenden Wellen und Gespräche mit anderen Surfern auf dem Meer.

Eine weitere bahnbrechende Erfindung ist der BeatBot von Puma, einer Rennmaschine im wörtlichen Sinne, die von Ingenieuren des MIT gebaut wurde und professionelle Läufer dazu motivieren soll, ihre Grenzen zu überwinden und ihre Leistungen zu verbessern. Das ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Zukunft für uns bereithält, wenn Mensch und Maschine aufeinander treffen.

Apropos Manus X Machina: Fashion in an Age of Technology – so lautet der Name der diesjährige Ausstellung im berühmten Costume Institute des Metropolitan Museum of Art. Die Ausstellung untersucht, wie Technologie die Mode verändert, ein Thema, das viele der berühmten Gäste der Met Gala bei ihrer Kleiderwahl gespielt haben. Wie das aussah? Auf jeden Fall ein wenig übermenschlich.

Dimitrios Kambouris/Getty Images
Taylor Hill/Getty Images
Dimitrios Kambouris/Getty Images

3. Divine Living

Unser Forecast 2015: „Während sich Marken immer mehr auf Werte konzentrieren, rücken Aspekte wie Besinnung und Offenbarung zunehmend in den Vordergrund. Und für Verbraucher spielt bewusster Konsum eine immer größere Rolle.“

Wir gehen immer bewusster und besorgter mit Themen wie Gesundheit, Klimawandel, nachhaltigem Konsum und Politik um – Zuhause wie im Ausland. Eine Konsequenz daraus ist eine tiefe Sehnsucht nach Reduktion, einer inneren Neuausrichtung und dem Streben nach etwas Besserem. Menschen stellen Qualität vor Quantität und Erfahrung vor Besitz. Immer häufiger ziehen sie auch Erinnerungen Materiellem vor.

Der Tourismusverband von Quebec zeichnet ein besonders treffendes Bild dieses Trends in dem dreieinhalbminütigen Video „Blind Love“. Der Film begleitet den US-amerikanischen Musiker Danny Kean, der von Geburt an blind ist, auf einer Reise durch Kanada. Er entdeckt während dieses abenteuerlichen Trips unzählige atemberaubende Landschaften, wunderschöne Wälder, Flüsse, Felder und Strände, pulsierende Städte, das Leben in der Kleinstadt und vieles mehr.

Die Erlebnisse sind so außergewöhnlich, so fesselnd und sinnlich, dass der Protagonist sie auch ohne Augenlicht in ihrer ganzen Größe erfahren kann. Danny Kean formuliert das so: „Es gibt einen Grund, warum Menschen die Augen schließen, wenn sie sich küssen, wenn sie weinen und wenn sie beten: weil wir die wirklich wichtigen Dinge im Leben in unserem Herzen spüren.“

4. Messthetics

Unser Forecast 2015: „Marken nutzen die Macht einer hässlichen, chaotischen, verschwitzten und animalischen Ästhetik. In der Betonung von Körperlichkeit und der wahren menschlichen Natur zeigt sich eine Rebellion gegen die Gleichförmigkeit des Alltags.

Ein wenig Unordnung stellt sicher, dass man in diesem Jahr wahrgenommen wird, vermutlich weil kein chaotischer Zustand dem anderen gleicht. Egal, ob als Konzept oder als ästhetisches Merkmal: Marken, Kreative und kulturelle Institutionen greifen auf Chaos zurück, um sich von anderen abzuheben.

Museum of Fine Arts Boston

Nehmen wir zum Beispiel die Ausstellung Megacities Asia, die gerade im Museum of Fine Arts Boston zu sehen ist. Die Ausstellung erstreckt sich über verschiedene Stockwerke und Galerien und zeigt das Leben in Metropolen mit über 10 Millionen Einwohnern. Die Installationen spiegeln das Chaos wieder, das an solchen Orten herrscht, mit einer sich wiederholenden und anscheinend wahnsinnigen Vielzahl an Objekten, die zweifelsohne einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Endless Possibilities - Getty Images / AlmapBBDO
Endless Possibilities - Getty Images / AlmapBBDO

Diesem Trend folgt auch die Kampagne von Getty Images, die in diesem Frühjahr ein inspirierendes Beispiel für „Unendlich viele Möglichkeiten“ zeigt, die mithilfe der Stockbilder aus unseren Sammlungen entstehen können. Nach vier langen Monaten gelang es dem Team von AlmapBBDO, vier Porträts von bekannten Menschen zu erstellen, die einzig und allein mit Bildern aus unseren Creative-Sammlungen gefertigt wurden. Das Ergebnis ist eine wilde Mischung, die zu einem einprägsamen Schnappschuss zusammengefügt wird.

5. Silence vs. Noise

Unser Forecast 2015: „Dieser Trend konzentriert sich darauf, Verbrauchern mehr Raum zu schenken, um tief Luft zu holen und sich in einem dicht gedrängten Markt zurecht zu finden. Unsere Emotionen und unser Geist werden dabei mit visuellen Haikus angesprochen.“

Grafischer Minimalismus ist in aktuellen Kampagnen ebenso zu finden wie kreative und redaktionelle Anstrengungen. Das britische Elektropop-Trio Years & Years brachte diesen Winter sein Musikvideo zu „Desire ft. Tove Lo“ heraus. In den ersten drei Monaten nach der Veröffentlichung sahen 18,5 Millionen Menschen das Video auf YouTube, das mit geraden Linien, gedeckten Farben und Hervorhebungen mit wirbelnden Körpern und strahlenden Farbtönen ein wunderschönes Bild zeichnet. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Harper’s Bazaar mit seiner Titelstory, in der Jennifer Aniston in einer markanten und gleichzeitig leisen Serie von Porträts gezeigt wird, die mit Kontrasten, Negativraum und einfachen Silhouetten spielt.

Harper's Bazaar April 2016

Erwähnenswert ist auch das schwedische E-Payment-Unternehmen Klarna, das in seiner Kampagne Smoooth this March betont, wie reibungslos seine Services funktionieren. Die Perlorian Brothers, die bei den Spots Regie geführt haben und für ihre Tendenz zur Exzentrik bekannt sind, kommentieren ihre Arbeit so: „Unser kreativer Ansatz war, alles möglichst minimalistisch zu halten, grafisch, faszinierend und reibungslos. Wir wollten, dass sich die Spots ein klein wenig seltsam und künstlerisch anfühlen.“ Ergänzend arbeiteten die Regisseure mit gedämpften Farben, schmucklosen Einstellungen und überraschenden Fokussen.

6. Surreality

Unser Forecast 2015: „Die kreativen Möglichkeiten, unser facettenreiches Leben im digitalen Zeitalter visuell darzustellen, sind unendlich. Dieser Trend stellt surreale grafische Bilder in den Mittelpunkt und spielt mit unserer Vorstellung von Unendlichkeit, Dualität und Vielfalt.“

Stella McCartney Summer 2016

Auch dieser letzte, traumähnliche Trend begegnet uns in letzter Zeit immer öfter. Als atmosphärisches Tool, das sich idealerweise für Fashion-Anzeigen und redaktionelle Modestrecken eignet, nimmt Surreality in der diesjährigen Sommer-Kampagne von Stella McCartney eine starke Position ein. Die Anzeigen zeigen die ineinander verschlungenen und duplizierten Supermodels Natalia Vodianova und Mariaclara Boscono auf einer Wiese liegend. Wer die Motive sieht, fragt sich, wo die eine endet und die andere beginnt.

Stella McCartney Summer 2016

Die Ästhetik dient auch weltweit als wirkungsvolles Stilmittel. So zeigte Anfang des Jahres die japanische Marke für Misosuppen Marukome mit „Kawaii“ einen künstlerisch inszenierten Spot, der mit psychedelischen Pop-Art-Bildern, intelligenten Schnitten und einem umwerfenden Soundtrack die Tiefen der japanischen Identität und Kultur untersuchte. Kurz: Das ist der Stoff, den wir aus unseren Träumen kennen.